Bewerbung als DFB-Bundestrainer (von 2004)

Erinnert sich noch jemand an die Trainerfindungskommission?

Es liegt wohl an der mangelnden Social-Network-Verbreitung in 2004, dass dieses Kleinod erst jetzt wieder von den Niederungen meiner Festplatte auferstanden ist. Nach dem unwürdigen Abschied von Teamchef Rudi Völler dachte ich für kurze Zeit, ich könnte das Schicksal des DFB selber in die Hand nehmen.

Die Bewerbung im Originaltext (Download als PDF-File hier):

Sehr geehrter Herr Schmidt,

das zügige Ausscheiden der Deutschen Fußball-Herrennationalmannschaft bei der diesjährigen Europameisterschaft in Portugal bedauere ich zutiefst. Auch das damit verbundene Dilemma um die adäquate Nachfolge des Teamchefs Rudi Völler hat der deutsche Fußball in diesem Ausmaß nicht verdient.

Um diesem Drama ein Ende zu bereiten und auch Ihnen, Herr Schmidt, wieder einen optimistischeren Blick in die Zukunft zu ermöglichen, bewerbe ich mich hiermit um eine Einstellung in Ihrem Unternehmen als neuer Nationaltrainer. Je schneller wir nun zu persönlichen Gesprächen zusammenkommen, umso eher können wir Hand in Hand mit der Vorbereitung auf das nächste sportliche Highlight, die Weltmeisterschaft im eigenen Lande 2006, beginnen.

Meine persönliche sportliche Biographie liest sich wie das Who is Who der Deutschen Fußball-Ligen. Kaum eine Trainerbank auf der ich noch nicht übernachtet habe, nur wenige Stadionzäune über die ich nachts noch nicht klettern durfte. In vielen Stadien kenne ich neben den Stehplatztribünen außerdem die Getränkestände und Würstchenbuden wie meine Westentasche, bei niederklassigeren Begegnungen konnte ich auch schon das eine oder andere Mal in die Nähe der Trainerbank vorrücken. Nebenbei spiele ich zwei- bis dreimal im Jahr bei Hobbyfußballturnieren eine herausragende Rolle, wenn ich mit meinen Mannschaftskollegen die begeisterten Fanscharen mit unseren alkoholisierten Auftritten verzaubere. Gerne bringe ich auch diese Teamkameraden in meine potentielle Aktivität in Ihrem Hause mit ein, die sich natürlich auch ehrenamtlich als Zeugwart, Co-Trainer sowie Bier- und Wasserträger nützlich machen werden. Mir selbst käme als Publizistikstudent im ersten Jahr ein medienpräsenter Nebenjob mehr als gelegen. Gerade die bevorstehenden Semesterferien laden zu ausgiebigen Trainingslagern und Motivationsgesprächen mit den Jungs ein, die in knapp zwei Jahren wie junge Rehe über den Platz sprinten und sich vor Brasilien, Griechenland und Liechtenstein den vierten Weltmeistertitel schnappen sollen.

Sicherlich sind Sie auf den ersten Blick etwas skeptisch, die Arbeit Ihrer frisch ins Leben gerufenen Trainerfindungskommission in meine Richtung auszuweiten. Um Ihnen diese Unsicherheit zu nehmen verweise ich auf die aktuelle Umfrage des Sportmagazins kicker, in dem sich Stand heute 55,7% aller Befragten „einen anderen“ als Bundestrainer wünschen. Namen wie Guus Hiddink und Lothar Matthäus rangieren hier abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Weiterhin haben nicht zuletzt die Erfahrungen der letzten Monate gezeigt, dass die Zukunft des Deutschen Fußballs nicht in den Händen unserer gestandenen Fußballgreise liegen sollte, nicht bei Netzers und Dellings Halbzeitanalyse und auch nicht bei Pfälzern wie Miroslav Klose. Zur Rettung der prestigeträchtigen Nationalmannschaft bedarf es junges Blut, engagierte und fleißige Mitarbeiter mit einschlägigen Kontakten zu Medien und Fanmassen. Scheuen Sie sich also nicht vor einer ausnahmsweise einmal populistischen Entscheidung.

Auch um Ihre hauseigenen Statuten müssen Sie, sehr verehrter Herr Schmidt, sich natürlich keine Gedanken machen. Schließlich definiert Ihre Vereinssatzung in §2 recht genau das Profil der zukünftigen Retter vom Dienst: „Jedes Amt im DFB ist Frauen und Männern zugänglich“. Ich freue mich auf Ihren Anruf.

Mit freundlichem Gruß,


Tobias Freiwald
Bundestrainer in spe

So weit, so gut. Hoffnungsfroh eilte ich jeden morgen zum Briefkasten, wochenlang. Leider erhielt ich irgendwann dann tatsächlich eine förmliche Absage:

“Sehr geehrter Herr Freiwald,

wie Sie den Medien sicherlich entnommen haben, ist die Position des Bundestrainers mittlerweile anderweitig besetzt.

Mit freundlichen Grüßen, 
Ihr DFB.”

Das Ganze ist jetzt sechs Jahre her und Deutschland hat noch immer keinen Titel geholt. Diese Bilanz hätte ich auch erreicht. 

1 Anmerkung

Show

  1. von guteaussicht gepostet