Jung, wütend und ohne Strom.
Die 90-Tage-Visas sind ausverkauft, der lächelnde Grenzbeamte kann den kleinen bunten Zettel nur für 30 Tage in den Pass kleben. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die in Nepal immer wieder daneben gehen. Kleinigkeiten, die das Bild neben größeren Problemen wie fehlendem Strom oder Trinkwasser lediglich noch abrunden. Die Ursachen liegen in der Regel in Arbeitsverweigerung, Korruption und fehlender Stärke der handelnden Organe. Und täglich treibt mindestens eine Splittergruppe einer Splittergruppe Kathmandu wegen dieser Kleinigkeiten in den Wahnsinn.
Die öffentliche Streitkultur in Nepal ist ein möglicherweise weltweit einzigartiges Phänomen, das die bewegte Geschichte des Staates auch in der 2008 ausgerufenen Demokratie begleitet. Sie ist ein Relikt aus dem zehnjährigen People‘s War, nur der Aufstand des Volkes gegen die notorisch schwache Regierung bringt wirkliche Veränderungen mit sich. Kaum ein Tag, an dem lokale Medien deshalb nicht über Rallys oder Proteste vom Vortag berichten, allein die Infowebsite nepalbandh.com erwähnt in der ersten Januarhälfte 31 unterschiedliche Streiks. Während in der Heimat über mangelnden politischen Enthusiasmus der Jugend geklagt wird und die Wahlbeteiligung seit Jahren abnimmt, so ist die Einbeziehung der Massen im fernen Nepal das kleinste Problem. Aufgebrachte Gruppen protestieren wahlweise für die Fertigstellung der Verfassung oder gegen die Einführung des Föderalismus, für die Anerkennung der Rechte von sexuellen Minderheiten oder die Absetzung von Universitätsprofessoren. In Washington versucht Obama verzweifelt, den versteckten Einfluss von Lobbyisten zu minimieren - in Kathmandu stehen die Lobbyisten aufgebracht auf der Straße, ohne Schienbeinschoner und getöntes Panzerglas. Unter dieser Protestdiversifikation leidet vor allem das öffentliche Leben erheblich. Besonders Inhaber von kleineren Geschäften versehen ihre Rolläden aus Angst vor Randalen mit dicken Vorhängeschlössern und verzichten oft tagelang auf ihren lebenswichtigen Umsatz. Taxis und Busse fahren nicht oder nur unregelmäßig, private Fahrzeuge müssen mit Übergriffen rechnen. Niemand sammelt den Müll ein, Diesel wird knapp. Abhängig von der bestreikten Branche geht auch mal der Zuckervorrat zur Neige. Oder eben die unterschiedlichen Visas am Flughafen.
Nichts, aber auch gar nichts bringen diese „Bandhs“, schimpfen vor allem Westler. Touristen und Volunteers, aber auch viele Anwohner sehen im täglichen Streiken und Protestieren lediglich eine lästige und unnötige Randerscheinung des lokalen Demokratisierungsprozesses. Und auch wenn Menschen in Nepal sich grundsätzlich als friedliebend bezeichnen, so hat doch jeder Local mindestens eine bleibende Erinnerung an gewaltsame Auseinandersetzungen, eine Narbe von geworfenen Steinen etwa. Oder berichtet von schmerzhaften Begegnungen mit dem Bambusschlagstock der lokalen Polizei, von willkürlichen Verhaftungen und spontanen Eskalationen der Gewalt.
Diese Offenheit des Schlagabtauschs ist eines der Sinnbilder der noch jungen Demokratie in Nepal. Die politische Ordnung wirkt zerbrechlich - und während einige Gruppen diese Ordnung noch weiter untergraben, fordern wieder andere die politischen Führer mit Sitzstreiks zur Geschlossenheit auf. Die Straße spiegelt alle Perspektiven. Insbesondere für westliche Verhältnisse wirkt diese bodenständige Form der politischen Anteilnahme teilweise befremdlich, barbarisch oder gar amüsant. Rebellieren für die Absetzung eines Lehrers, weil dieser Aufgaben aus alten Textbüchern in die Klausuren schrieb? Hier keine Seltenheit.
In Nepal gilt es als unhöflich und respektlos, wenn junge Menschen ältere hinterfragen. Die Jugend fragt deshalb nicht. Sie wirft Steine. Natürlich entspricht diese Protestform nicht zwangsläufig dem Sinnbild von friedlicher demokratischer Meinungsäußerung. Für einige der Anwohner ist das demokratisches Handeln schlechthin. Roh. Ehrlich. Ungefiltert. Und Teil des öffentlichen Lebens. Während also die Protestanten noch mit Fackeln und erhobener Faust durch Kathmandu marschieren, findet sich die Mehrheit der Menschen schulterzuckend mit der unruhigen politischen Situation im Land ab. „Khe garne?“ - Was soll man schon tun?
Fackelzug durch Kathmandu 1.
Fackelzug durch Kathmandu 2.
Verbrennung von Klausuren vor der Universität.
Polizisten greifen gegen Demonstranten ein.
Steine fliegen.
LGBTI-Community demonstriert für mehr Anerkennung.
2 Anmerkungen
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von guteaussicht gepostet