Zehn Tage Vipassana-Meditationsschule in Igatpuri, Indien.
Ich habe nicht einmal Schokolade reingeschmuggelt. Kein Bier, keinen Müsliriegel. Zu streng sind die Regeln im Dhamma Giri Igatpuri, dem weltgrößten Vipassana-Meditationszentrum 150 Kilometer nordöstlich von Mumbai. Vipassana, das ist die bereits vor 2500 Jahren von Buddha verbreitete Meditationslehre, die sich statt auf Symbole oder skurrile Om-Wiederholungen ausschließlich auf den eigenen Körper bezieht. Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Ablenkungen sind nicht erwünscht und so müssen die Teilnehmer des zehntägigen Kurses neben mitgebrachter Nahrung auch sämtliche elektronischen Geräte, Bücher, Schreibutensilien und Zigaretten der Kursleitung übergeben. „Es wird wie im Gefängnis“, sagen die freundlichen Aufpasser schon bei der Ankunft. Trotz dieses ungewohnten Procederes wirkt der hügelige Campus bei strahlendem Sonnenschein und durchgängig 32 Grad wie ein aufgeräumter Robinson Club, wenn auch mit sehr spartanischer Ausstattung. Überall blühende Pflanzen, gepflegte Bäume und strahlend grüne Grasflächen. Drei überdimensionale Pagodas ragen kuppelförmig in den Himmel, bedeckt mit glänzendem Gold. Das einfache vegetarische Essen für die rund 500 Teilnehmer bereitet ein Team an Freiwilligen direkt auf dem Gelände zu. Trotz der idyllischen Atmosphäre sollen die nächsten Tage nicht an Urlaub erinnern - es wird gearbeitet. Hart.
Im Gegenzug für alle Entbehrungen verspricht Vipassana dann nichts weniger als die Erlösung von allem persönlichen Leiden. Natürlich nicht innerhalb von zehn Tagen, aber jeder Weg beginnt ja bekanntlich mit einem ersten Schritt.
Tag 0.
Am Tag der Ankunft bereits die erste Prüfung. Papier. Ein halbes Dutzend Formulare geben einen Vorgeschmack darauf, wie strikt die Organisation in den nächsten Tagen sein wird. Ausländer hinterlegen ihre Reisepässe, um nicht während des Kurses heimlich vom Gelände schleichen zu können. In einer einstündigen Einführungsrunde wiederholt ein Tonband die Regeln. Nur wer sich mental und körperlich fit fühlt, soll von hier an weiterhin auf dem Gelände bleiben - ein vorzeitiges Ausscheiden ist selbst bei Problemen nicht vorgesehen. Im Laufe der nächsten Tage werden trotzdem gut zehn Prozent der Schüler die Organisatoren überzeugen können, ihre vorzeitige Entlassung zu bestätigen.
Gegen Abend sorgt eine kleine Armee an Hilfskräften für eine kategorische Trennung von Männern und Frauen, teilt die neugierigen Schüler in verschiedene Gruppen ein. Wortlos, professionell. Nicht nur für indische Verhältnisse läuft alles unglaublich reibungsfrei, nahezu perfekt. In der ersten abendlichen Meditationsrunde durchbricht eine tiefe, vibrierende Stimme aus dem Lautsprechersystem ein weiteres Mal die bedrückende Stille und beschreibt die Aufgabe für den ersten Tag.
Tag 01.
Punkt 4 Uhr. Laute Gongschläge lassen mich senkrecht im Bett sitzen, um die einzelnen Residenzen schleichen Helfer und läuten erbarmungslos ihre Glocken. Verschlafen ist nicht, Disziplin steht weit oben auf der Liste der Anforderungen. Zwei Stunden Meditation noch vor dem Frühstück entsprechend der Ansprache vom Vorabend sehen etwa so aus: Einatmen. Ausatmen. Atmung beobachten. Das ist alles. Das Gehirn schweift ab? Völlig normal, zurückholen zur Atmung. Dann wieder einatmen. Ausatmen. Atmung beobachten. Von vier Uhr morgens bis 21.30 am Abend, immerhin 12 Stunden täglich. Dazwischen kurze Pausen für Frühstück und Mittagessen, nachmittags wird lediglich ein kleiner Obstsnack serviert - für erfahrenere Schüler ist feste Nahrung nach dem 11-Uhr-Mittagessen komplett tabu.
Zum Abschluss des Tages erscheint die tiefe Stimme vom Tonband in Gestalt eines leicht übergewichtigen Mannes im gehobenen Alter auf einer Videoleinwand. Die Stimme gehört S.N. Goenka, einem begnadeten Redner und dem weit geschätzten Vipassana-Oberlehrer. Täglich erklärt er in einem einstündigen Monolog auf Video-CD, warum wir tun, was wir tun. Die Konzentration auf die Atmung schärfe den Verstand, sei die Voraussetzung für ernsthafte Meditation. Er spricht von einer tiefen chirurgischen Operation des Geistes, die wir heute begonnen haben. Sie wird noch neun Tage dauern.
Tag 02.
Nach dem spartanischen Frühstück mit trocken Brot und Reis deutet die Tonbandstimme an, was sie in den nächsten Tagen noch perfektionieren wird: Kontinuierliche Wiederholungen, bilingual in Hindi und Englisch. Wiederholungen und Gesänge in Hindi. Die einstündige Gruppenmeditation steht nach wie vor im Zeichen der eigenen Atmung: „Work patiently. Patiently and persistently, patiently and persistenly. You are bound to be successful, bound to be successful“. Bei drückender Hitze in der Meditationshalle will ich die Kassette bereits am zweiten Tag am Liebsten durch ein Hörspiel ersetzen oder mich mit Buch und kaltem Cocktail auf einen Liegestuhl zurückziehen. Jeder Knochen schmerzt vom stundenlangen Sitzen auf den kleinen Meditationskissen. Abends erklärt der dicke Mann, Tag zwei sei einer der Schwierigsten - aber in dieser Intensität notwendig, um jeden Schüler von seinem Unglück zu erlösen. Leiden muss zuerst gespürt werden, bevor es überwunden werden kann. Auf diesen Teil möchte ich gerne verzichten.
Tag 03.
Die Stille auf dem Campus ist beängstigend. Kommunikation unter den Meditierenden per Zeichen, Sprache oder Schrift ist während des gesamten Kurses verboten. Sogar meinen Zimmernachbarn darf ich keines Blickes würdigen, wir laufen grußlos mit gesenktem Kopf aneinander vorbei. Ein Inder grüßt mich aus zehn Metern Entfernung quer über den Hof: „Hey! Toby!“. Ich winke zurück und muss etwas lachen ob dieser völlig unnötigen Regelüberschreitung. Nach diesem Tag sehe ich ihn nie wieder, offensichtlich war das Schweigen nicht sein einziges Problem.
In der Meditation sind wir nun einen guten Schritt weiter. Wir fühlen unseren Atem, spüren ihn in und unter der Nase. Wir sensibilisieren so unseren Geist, schärfen den Verstand, sagt die tiefe Stimme immer und immer wieder. Auch die Nebenwirkungen werden stärker, der Rücken ist steif und schmerzt, das steinerne Bett und die Placebo-Matratze versprechen auch nachts kaum Erleichterung.
Tag 04.
Trotz dreitägigen Intensivtrainings kann ich mich auch am vierten Tag vor Sonnenaufgang weder auf meinen Atem noch auf die Nasenlöcher oder auch nur meine Fußnägel konzentrieren. Stattdessen schickt mir die Meditationsküche einen unerwarteten Begleiter: Durchfall. Ich leide stark, habe keine andere Wahl, muss sprechen. An Tag 4 fasse ich deshalb den schwerwiegenden Entschluss, die Noble Silence zu brechen. Ein einziges Mal. Für Magentabletten. Mein deutsch-russischer Mitbewohner rettet mir heute mit einem ausgewählten Medikamentensortiment das Leben.
Meditierend konzentriere ich mich den Rest des Tages darauf, die Gegend rund um die Nasenlöcher zu spüren. Kribbeln, Kratzen, Wärme, Kälte, Nässe, Trockenheit. Goenka nennt jegliche dort auftretenden Effekte ,Sensations‘. Damit der Geist hier noch konzentrierter arbeiten kann, hat er eine Idee: Während der drei täglichen Gruppenmeditationsstunden ist von nun an jede Bewegung verboten, niemand verändert die Sitzposition. Betretenes Schweigen in der Dhamma Hall. Noch betretener als sonst.
Tag 05.
Es geht um alles. Genauer gesagt um den ganzen Körper, nicht mehr nur um die Nasenlöcher. Durch das konzentrierte Training in den letzten Tagen ist das Gehirn derart sensibilisiert, dass ich in der Tat mehr und mehr kleine Sensationen am ganzen Körper spüre. Ein kleines Kribbeln im Arm, die Härchen an den Beinen. Die Schmerzen in Rücken und Schulter und überhaupt überall sonst, von der Kopfspitze bis zum kleinen Zeh. Keine besonderen elektromagnetischen Wunderschübe, nur vermeintlich alltägliche Dinge. Charakteristika, die sonst nur das Unterbewusstsein wahrnehmen kann. Das Unterbewusstsein ist nämlich keineswegs unterbewusst, sagt der dicke Mann. Nur untertrainiert. Die Sensationen, so zitiert er Buddha, sind das fehlende Bindeglied zwischen den eigenen Sinnesorganen und dem weltlichen Verlangen. Das heißt übersetzt, dass der Körper nicht süchtig nach Alkohol ist - sondern nach den Sensationen, die der Alkohol auslöst. Durch das konzentrierte Beobachten dieser Sensationen lasse sich dieses Verlangen abschalten. Philosophie für Fortgeschrittene.
Tag 06.
Ich frage mich, wie tief ich überhaupt gehen will. Eigentlich mag ich meine Verlangen ganz gerne. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich nie ein Mädchen geküsst, das Studium abgeschlossen oder diesen Kurs besucht. Ich denke an die beeindruckendsten Momente in meinem Leben, an die besten Nächte und die größten Krisen. Was hätte ich wohl als erhabene Person an diesen Tagen getan, die sich bereits frei von allen Sorgen und Problemen meditiert hat? Geschlafen? Oder im Schneidersitz Gesängen in Hindi gelauscht?
Im Kurs stören mich mittlerweile Dinge, die ich nicht auf der Rechnung hatte. Die indische Obsession mit Körpergeräuschen: Überall Rülpsen, Spucken und andere Verdauungslaute. Je intensiver, desto besser - während meine Konzentration im Free Flow den gesamten Körper durchströmt, bringen mich die Profanitäten meiner Nachbarn ein ums andere Mal um die Erleuchtung. Auch die Hitze macht zu schaffen, während den Sitzungen laufen mir dicke Schweißperlen über die Stirn. Ich darf sie nicht wegwischen. Nur beobachten, nicht reagieren. Alles ist vergänglich.
Tag 07.
Die Bilder aus dem Indien-Reiseführer verfolgen mich. Die Fotos von sämtlichen Köstlichkeiten, die der Subkontinent zu bieten hat. Von Frittiertem und Süßspeisen, von Gewürzen und Gemüsen, Frucht und Fisch. Währenddessen in der Frühstückshalle streiten sich zwei weiße Geckos unter der Neonleuchte um die dicksten Insekten. Am siebten Tag identisches, geschmackloses Essen wirkt selbst der Gedanke an eine saftige Küchenschabe verlockend. Oder an eine kalte Cola. Überhaupt, ein Königreich für ein gekühltes Getränk. Bei 33 Grad im Schatten gibt es lediglich die Wahl zwischen lauwarmem gefiltertem Wasser und heißer Milch zu den Mahlzeiten. Die kälteste Nahrung ist geschnittene Rohkost, die das Team mittags als Beilage serviert - und um den großen Alutopf mit Karotten, Sellerie und Gurken mache ich normalerweise einen Bogen. Inder glauben nicht an Löffel und können Minuten damit verbringen, sich aus dem geschnittenen Gemüse per Hand die schönsten Teile zu picken. Ich bleibe bei Reis.
Tag 08.
Die Tage werden länger und länger. Mein Rücken, meine Beine schmerzen bei jedem Schritt, die Gehgeschwindigkeit hat sich in der letzten Woche halbiert. Mindestens. Wenig neues in der Meditation, die Tage sieben bis neun widmen sich hauptsächlich dem Praktizieren des bisher Gelernten. In den abendlichen Diskursen berichtet der Herr Lehrer von den großen Erfolgen der Technik, von Schülern mit außerordentlichen Ergebnissen oder einfach vom Wesen der Welt: Unredliches Handeln ist jegliches Handeln, das anderen Lebewesen schadet. Buddhistische Schwarz-Weiß-Ideologien wie diese stören meinen Glauben an Goenkas Weisheit empfindlich. Viele der Schüler nicken trotzdem angespannt und mit großen Augen, als hätte sie gerade jemand in Lesen und Schreiben unterrichtet.
Tag 09.
Ich will einfach nur hier raus. Raus aus der Hitze, rein in einen klimatisierten Supermarkt mit freier Wahl der Konsumgüter. So viel zum Thema „Abschaffen des Verlangens“. Jede Chance nutze ich zum Strecken meiner Beine. Vielleicht sollte man in den Wohnräumen der Schüler zur Entspannung diese Folterbänke aus dem Mittelalter installieren, die den Körper um Zentimeter verlängern. Ich ergreife jede Möglichkeit, abseits des Gruppenraumes zu meditieren. Dann kann niemand sehen, wenn meine Motivation in den Keller rutscht und ein kurzes Schläfchen einfordert. Meditieren ist das neue Joggen.
Tag 10.
Nach der Sitzgruppe am Morgen sind für heute ausschließlich Highlights angekündigt. Eine neue Meditationstechnik, Metta Bhavanna, soll Balsam auf die Wunden schmieren. So hat es der Videodiskurs am Vorabend versprochen, die Einführung verläuft jedoch ernüchternd: Konzentrieren auf die Schwingungen im Körper, die Vibrationen mit Liebe füllen. So verbessere sich das Raumklima und andere Menschen können an der eigenen Liebe teilhaben. Ich kann mir ein ignorantes Grinsen nicht verkneifen.
Der große Moment kommt dann schließlich doch noch, nach der Morgenmeditation wird die Noble Silence gelüftet. Innerhalb von Minuten beginnt das Einsammeln der Wertgegenstände aus der Sicherheitsverwahrung, Handys klingeln und Begrüßungen werden ausgetauscht. Eigentlich schon seit zehn Tagen vertraute Menschen schließen endlich Bekanntschaften. Ein indischer Geschäftsmann, auf dessen Karte „Author and Senior Management Professional“ steht, widmet mir ein Exemplar seines neuen (und einzigen) Buches: Simple is Difficult. Wie wahr, wie wahr.
Goenka liebt es, Geschichten zu erzählen. Eine seiner Stories im letzten Diskurs bleibt mir im Kopf: Eine Mutter serviert ihrem Sohn einen schmackhaften Reispudding. Dieser weigert sich, zu essen - das Gericht müsse in seinem Lieblingsteller serviert werden. Seufzend füllt die Mutter den Pudding in das gewünschte Geschirr, aber noch immer wehrt sich das Kind. Er findet einen kleinen schwarzer Stein im Essen. Statt den Stein zu entfernen, schleudert der ignorante Balg das komplette Essen durch die Küche. Mit der Technik der letzten Tage verhalte es sich ebenso. Wenn sie im eigenen Lebensraum serviert werden müsse, kein Problem. Aber einzelne Kritikpunkte sollten nicht die komplette Meditation ruinieren. Vielleicht geht es mir ähnlich. Ich mag den Gedanken, Körpersensationen bewusst zu beobachten. Eigene Reaktionen auf externe Einflüsse steuern zu können. Aber von einem Ideologieframework den Tagesrhythmus bestimmen zu lassen ist schmerzhaft.
Um noch etwas klarzustellen: Was klingt wie Gehirnwäsche, ist es definitiv nicht. Der gesamte Kurs ist kostenfrei, Essen und Unterkunft inklusive. Vipassana-Zentren existieren weltweit und finanzieren sich ausschließlich über Spenden. Es gibt keine Verpflichtungen nach dem Kurs, keine Mitgliedschaften oder Gruppenzwänge. Lediglich die Empfehlung, täglich weiterhin mindestens zwei Stunden zu meditieren und jährlich einen der Kurse zu belegen, als Schüler oder als Helfer.
Würde ich ein zweites Mal die Strapazen auf mich nehmen? Fragt mich in ein paar Monaten.
In den Bergen von Nirgendwo.
Pagoda.
Meditationszellen.
Zimmer.
1 Anmerkung
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von tmblrmailfor als Favorit markiert
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von guteaussicht gepostet