Menschen lieben das Fremde!

Mein Nagel-Review im Pressure Magazine.

Mittlerweile besuchen täglich bis zu 50 Frauen und Männer den Trinkraum in Kiel. Dort können sie von 9 bis 15 Uhr trinken, rauchen und reden.
Auch Hamburg will jetzt nach dem Kieler Vorbild Trinkräume einrichten, berichtet die taz.

Bewerbung als DFB-Bundestrainer (von 2004)

Erinnert sich noch jemand an die Trainerfindungskommission?

Es liegt wohl an der mangelnden Social-Network-Verbreitung in 2004, dass dieses Kleinod erst jetzt wieder von den Niederungen meiner Festplatte auferstanden ist. Nach dem unwürdigen Abschied von Teamchef Rudi Völler dachte ich für kurze Zeit, ich könnte das Schicksal des DFB selber in die Hand nehmen.

Die Bewerbung im Originaltext (Download als PDF-File hier):

Sehr geehrter Herr Schmidt,

das zügige Ausscheiden der Deutschen Fußball-Herrennationalmannschaft bei der diesjährigen Europameisterschaft in Portugal bedauere ich zutiefst. Auch das damit verbundene Dilemma um die adäquate Nachfolge des Teamchefs Rudi Völler hat der deutsche Fußball in diesem Ausmaß nicht verdient.

Um diesem Drama ein Ende zu bereiten und auch Ihnen, Herr Schmidt, wieder einen optimistischeren Blick in die Zukunft zu ermöglichen, bewerbe ich mich hiermit um eine Einstellung in Ihrem Unternehmen als neuer Nationaltrainer. Je schneller wir nun zu persönlichen Gesprächen zusammenkommen, umso eher können wir Hand in Hand mit der Vorbereitung auf das nächste sportliche Highlight, die Weltmeisterschaft im eigenen Lande 2006, beginnen.

Meine persönliche sportliche Biographie liest sich wie das Who is Who der Deutschen Fußball-Ligen. Kaum eine Trainerbank auf der ich noch nicht übernachtet habe, nur wenige Stadionzäune über die ich nachts noch nicht klettern durfte. In vielen Stadien kenne ich neben den Stehplatztribünen außerdem die Getränkestände und Würstchenbuden wie meine Westentasche, bei niederklassigeren Begegnungen konnte ich auch schon das eine oder andere Mal in die Nähe der Trainerbank vorrücken. Nebenbei spiele ich zwei- bis dreimal im Jahr bei Hobbyfußballturnieren eine herausragende Rolle, wenn ich mit meinen Mannschaftskollegen die begeisterten Fanscharen mit unseren alkoholisierten Auftritten verzaubere. Gerne bringe ich auch diese Teamkameraden in meine potentielle Aktivität in Ihrem Hause mit ein, die sich natürlich auch ehrenamtlich als Zeugwart, Co-Trainer sowie Bier- und Wasserträger nützlich machen werden. Mir selbst käme als Publizistikstudent im ersten Jahr ein medienpräsenter Nebenjob mehr als gelegen. Gerade die bevorstehenden Semesterferien laden zu ausgiebigen Trainingslagern und Motivationsgesprächen mit den Jungs ein, die in knapp zwei Jahren wie junge Rehe über den Platz sprinten und sich vor Brasilien, Griechenland und Liechtenstein den vierten Weltmeistertitel schnappen sollen.

Sicherlich sind Sie auf den ersten Blick etwas skeptisch, die Arbeit Ihrer frisch ins Leben gerufenen Trainerfindungskommission in meine Richtung auszuweiten. Um Ihnen diese Unsicherheit zu nehmen verweise ich auf die aktuelle Umfrage des Sportmagazins kicker, in dem sich Stand heute 55,7% aller Befragten „einen anderen“ als Bundestrainer wünschen. Namen wie Guus Hiddink und Lothar Matthäus rangieren hier abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Weiterhin haben nicht zuletzt die Erfahrungen der letzten Monate gezeigt, dass die Zukunft des Deutschen Fußballs nicht in den Händen unserer gestandenen Fußballgreise liegen sollte, nicht bei Netzers und Dellings Halbzeitanalyse und auch nicht bei Pfälzern wie Miroslav Klose. Zur Rettung der prestigeträchtigen Nationalmannschaft bedarf es junges Blut, engagierte und fleißige Mitarbeiter mit einschlägigen Kontakten zu Medien und Fanmassen. Scheuen Sie sich also nicht vor einer ausnahmsweise einmal populistischen Entscheidung.

Auch um Ihre hauseigenen Statuten müssen Sie, sehr verehrter Herr Schmidt, sich natürlich keine Gedanken machen. Schließlich definiert Ihre Vereinssatzung in §2 recht genau das Profil der zukünftigen Retter vom Dienst: „Jedes Amt im DFB ist Frauen und Männern zugänglich“. Ich freue mich auf Ihren Anruf.

Mit freundlichem Gruß,


Tobias Freiwald
Bundestrainer in spe

So weit, so gut. Hoffnungsfroh eilte ich jeden morgen zum Briefkasten, wochenlang. Leider erhielt ich irgendwann dann tatsächlich eine förmliche Absage:

“Sehr geehrter Herr Freiwald,

wie Sie den Medien sicherlich entnommen haben, ist die Position des Bundestrainers mittlerweile anderweitig besetzt.

Mit freundlichen Grüßen, 
Ihr DFB.”

Das Ganze ist jetzt sechs Jahre her und Deutschland hat noch immer keinen Titel geholt. Diese Bilanz hätte ich auch erreicht. 

Mit dem, was Boateng im Käfig an der Panke groß gemacht hatte, eckte er an in der hierarchischen Welt des DFB, die jemanden wie den Stürmer Kevin Kurányi für das Verlassen des Stadions während eines Länderspiels lebenslang ausschließt. Es ist eine Welt, deren Helden glatt sein sollen wie der Teammanager Oliver Bierhoff, glatt geschliffen und geföhnt. Mit Anfang 20 sollen sie Playstation spielen, mit Mitte 20 ein Fernstudium absolvieren und mit Ende 20 an ihrem Golfhandicap arbeiten. Es ist eine Welt, in der es - anders als auf dem Bolzplatz - nicht reicht, einfach nur gut zu sein.

http://www.zeit.de/2010/20/DOS-Bolzplatz

Die ZEIT im fantastischen Dossier über Boatengs Heimat. Veröffentlicht übrigens vor dem Foul an Ballack..

Mainzelmännchen mit Heimweh.

Sie wollten so gerne etwas von der Welt sehen. Seit ein paar Monaten sind Berti, Det, Edi und Fritzchen jetzt unterwegs und erfüllen sich ihren Traum. Geboren im ZDF-Laden in der Mainzer Altstadt habe ich ihnen bei ihrem großen Wunsch geholfen und sie in kleinen unscheinbaren Plastikboxen in New York, Tasmanien, Singapur und Mumbai hinterlegt. Jeden mit einer einzigen Mission: Zurück nach Mainz.

Das Prinzip des Geocaching erlaubt es, kleine oder mittelgroße Gegenstände mit einzigartigen Identifikationsnummern zu versehen. Mit diesen Nummern trackt der glückliche Finder online den gefundenen Gegenstand und sieht eine kurze Beschreibung, inklusive Mission des “Travel Bugs”. Im Falle unserer vier kleinen Freunde liest er von einem Wettrennen, alle wollen sie vor ihren Brüdern wieder in Mainz sein. Und das Rennen geht gut voran. Heute (12.05.) sind Berti, Det und Fritzchen bereits wieder in Europa. Selbst Nachzügler Edi wurde mittlerweile aus seinem Versteck unter einem Baum im 45° heissen Mumbai befreit und befindet sich in den Händen eines verantwortungsvollen Mitspielers. Ein bisschen dramatisch allerdings dann doch: Berti leidet schon seit knapp zwei Monaten mitten in Mannheim. Stadtteil: Waldhof.

Zehn Tage Vipassana-Meditationsschule in Igatpuri, Indien.

Ich habe nicht einmal Schokolade reingeschmuggelt. Kein Bier, keinen Müsliriegel. Zu streng sind die Regeln im Dhamma Giri Igatpuri, dem weltgrößten Vipassana-Meditationszentrum 150 Kilometer nordöstlich von Mumbai. Vipassana, das ist die bereits vor 2500 Jahren von Buddha verbreitete Meditationslehre, die sich statt auf Symbole oder skurrile Om-Wiederholungen ausschließlich auf den eigenen Körper bezieht. Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Ablenkungen sind nicht erwünscht und so müssen die Teilnehmer des zehntägigen Kurses neben mitgebrachter Nahrung auch sämtliche elektronischen Geräte, Bücher, Schreibutensilien und Zigaretten der Kursleitung übergeben. „Es wird wie im Gefängnis“, sagen die freundlichen Aufpasser schon bei der Ankunft. Trotz dieses ungewohnten Procederes wirkt der hügelige Campus bei strahlendem Sonnenschein und durchgängig 32 Grad wie ein aufgeräumter Robinson Club, wenn auch mit sehr spartanischer Ausstattung. Überall blühende Pflanzen, gepflegte Bäume und strahlend grüne Grasflächen. Drei überdimensionale Pagodas ragen kuppelförmig in den Himmel, bedeckt mit glänzendem Gold. Das einfache vegetarische Essen für die rund 500 Teilnehmer bereitet ein Team an Freiwilligen direkt auf dem Gelände zu. Trotz der idyllischen Atmosphäre sollen die nächsten Tage nicht an Urlaub erinnern - es wird gearbeitet. Hart.
Im Gegenzug für alle Entbehrungen verspricht Vipassana dann nichts weniger als die Erlösung von allem persönlichen Leiden. Natürlich nicht innerhalb von zehn Tagen, aber jeder Weg beginnt ja bekanntlich mit einem ersten Schritt. 

Tag 0. 
Am Tag der Ankunft bereits die erste Prüfung. Papier. Ein halbes Dutzend Formulare geben einen Vorgeschmack darauf, wie strikt die Organisation in den nächsten Tagen sein wird. Ausländer hinterlegen ihre Reisepässe, um nicht während des Kurses heimlich vom Gelände schleichen zu können. In einer einstündigen Einführungsrunde wiederholt ein Tonband die Regeln. Nur wer sich mental und körperlich fit fühlt, soll von hier an weiterhin auf dem Gelände bleiben - ein vorzeitiges Ausscheiden ist selbst bei Problemen nicht vorgesehen. Im Laufe der nächsten Tage werden trotzdem gut zehn Prozent der Schüler die Organisatoren überzeugen können, ihre vorzeitige Entlassung zu bestätigen. 
Gegen Abend sorgt eine kleine Armee an Hilfskräften für eine kategorische Trennung von Männern und Frauen, teilt die neugierigen Schüler in verschiedene Gruppen ein. Wortlos, professionell. Nicht nur für indische Verhältnisse läuft alles unglaublich reibungsfrei, nahezu perfekt. In der ersten abendlichen Meditationsrunde durchbricht eine tiefe, vibrierende Stimme aus dem Lautsprechersystem ein weiteres Mal die bedrückende Stille und beschreibt die Aufgabe für den ersten Tag.

Tag 01.
Punkt 4 Uhr. Laute Gongschläge lassen mich senkrecht im Bett sitzen, um die einzelnen Residenzen schleichen Helfer und läuten erbarmungslos ihre Glocken. Verschlafen ist nicht, Disziplin steht weit oben auf der Liste der Anforderungen. Zwei Stunden Meditation noch vor dem Frühstück entsprechend der Ansprache vom Vorabend sehen etwa so aus: Einatmen. Ausatmen. Atmung beobachten. Das ist alles. Das Gehirn schweift ab? Völlig normal, zurückholen zur Atmung. Dann wieder einatmen. Ausatmen. Atmung beobachten. Von vier Uhr morgens bis 21.30 am Abend, immerhin 12 Stunden täglich. Dazwischen kurze Pausen für Frühstück und Mittagessen, nachmittags wird lediglich ein kleiner Obstsnack serviert - für erfahrenere Schüler ist feste Nahrung nach dem 11-Uhr-Mittagessen komplett tabu.
Zum Abschluss des Tages erscheint die tiefe Stimme vom Tonband in Gestalt eines leicht übergewichtigen Mannes im gehobenen Alter auf einer Videoleinwand. Die Stimme gehört S.N. Goenka, einem begnadeten Redner und dem weit geschätzten Vipassana-Oberlehrer. Täglich erklärt er in einem einstündigen Monolog auf Video-CD, warum wir tun, was wir tun. Die Konzentration auf die Atmung schärfe den Verstand, sei die Voraussetzung für ernsthafte Meditation. Er spricht von einer tiefen chirurgischen Operation des Geistes, die wir heute begonnen haben. Sie wird noch neun Tage dauern.

Tag 02. 
Nach dem spartanischen Frühstück mit trocken Brot und Reis deutet die Tonbandstimme an, was sie in den nächsten Tagen noch perfektionieren wird: Kontinuierliche Wiederholungen, bilingual in Hindi und Englisch. Wiederholungen und Gesänge in Hindi. Die einstündige Gruppenmeditation steht nach wie vor im Zeichen der eigenen Atmung: „Work patiently. Patiently and persistently, patiently and persistenly. You are bound to be successful, bound to be successful“. Bei drückender Hitze in der Meditationshalle will ich die Kassette bereits am zweiten Tag am Liebsten durch ein Hörspiel ersetzen oder mich mit Buch und kaltem Cocktail auf einen Liegestuhl zurückziehen. Jeder Knochen schmerzt vom stundenlangen Sitzen auf den kleinen Meditationskissen. Abends erklärt der dicke Mann, Tag zwei sei einer der Schwierigsten - aber in dieser Intensität notwendig, um jeden Schüler von seinem Unglück zu erlösen. Leiden muss zuerst gespürt werden, bevor es überwunden werden kann. Auf diesen Teil möchte ich gerne verzichten.

Tag 03.
Die Stille auf dem Campus ist beängstigend. Kommunikation unter den Meditierenden per Zeichen, Sprache oder Schrift ist während des gesamten Kurses verboten. Sogar meinen Zimmernachbarn darf ich keines Blickes würdigen, wir laufen grußlos mit gesenktem Kopf aneinander vorbei. Ein Inder grüßt mich aus zehn Metern Entfernung quer über den Hof: „Hey! Toby!“. Ich winke zurück und muss etwas lachen ob dieser völlig unnötigen Regelüberschreitung. Nach diesem Tag sehe ich ihn nie wieder, offensichtlich war das Schweigen nicht sein einziges Problem.
In der Meditation sind wir nun einen guten Schritt weiter. Wir fühlen unseren Atem, spüren ihn in und unter der Nase. Wir sensibilisieren so unseren Geist, schärfen den Verstand, sagt die tiefe Stimme immer und immer wieder. Auch die Nebenwirkungen werden stärker, der Rücken ist steif und schmerzt, das steinerne Bett und die Placebo-Matratze versprechen auch nachts kaum Erleichterung. 

Tag 04.
Trotz dreitägigen Intensivtrainings kann ich mich auch am vierten Tag vor Sonnenaufgang weder auf meinen Atem noch auf die Nasenlöcher oder auch nur meine Fußnägel konzentrieren. Stattdessen schickt mir die Meditationsküche einen unerwarteten Begleiter: Durchfall. Ich leide stark, habe keine andere Wahl, muss sprechen. An Tag 4 fasse ich deshalb den schwerwiegenden Entschluss, die Noble Silence zu brechen. Ein einziges Mal. Für Magentabletten. Mein deutsch-russischer Mitbewohner rettet mir heute mit einem ausgewählten Medikamentensortiment das Leben.
Meditierend konzentriere ich mich den Rest des Tages darauf, die Gegend rund um die Nasenlöcher zu spüren. Kribbeln, Kratzen, Wärme, Kälte, Nässe, Trockenheit. Goenka nennt jegliche dort auftretenden Effekte ,Sensations‘. Damit der Geist hier noch konzentrierter arbeiten kann, hat er eine Idee: Während der drei täglichen Gruppenmeditationsstunden ist von nun an jede Bewegung verboten, niemand verändert die Sitzposition. Betretenes Schweigen in der Dhamma Hall. Noch betretener als sonst.

Tag 05. 
Es geht um alles. Genauer gesagt um den ganzen Körper, nicht mehr nur um die Nasenlöcher. Durch das konzentrierte Training in den letzten Tagen ist das Gehirn derart sensibilisiert, dass ich in der Tat mehr und mehr kleine Sensationen am ganzen Körper spüre. Ein kleines Kribbeln im Arm, die Härchen an den Beinen. Die Schmerzen in Rücken und Schulter und überhaupt überall sonst, von der Kopfspitze bis zum kleinen Zeh. Keine besonderen elektromagnetischen Wunderschübe, nur vermeintlich alltägliche Dinge. Charakteristika, die sonst nur das Unterbewusstsein wahrnehmen kann. Das Unterbewusstsein ist nämlich keineswegs unterbewusst, sagt der dicke Mann. Nur untertrainiert. Die Sensationen, so zitiert er Buddha, sind das fehlende Bindeglied zwischen den eigenen Sinnesorganen und dem weltlichen Verlangen. Das heißt übersetzt, dass der Körper nicht süchtig nach Alkohol ist - sondern nach den Sensationen, die der Alkohol auslöst. Durch das konzentrierte Beobachten dieser Sensationen lasse sich dieses Verlangen abschalten. Philosophie für Fortgeschrittene.

Tag 06. 
Ich frage mich, wie tief ich überhaupt gehen will. Eigentlich mag ich meine Verlangen ganz gerne. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich nie ein Mädchen geküsst, das Studium abgeschlossen oder diesen Kurs besucht. Ich denke an die beeindruckendsten Momente in meinem Leben, an die besten Nächte und die größten Krisen. Was hätte ich wohl als erhabene Person an diesen Tagen getan, die sich bereits frei von allen Sorgen und Problemen meditiert hat? Geschlafen? Oder im Schneidersitz Gesängen in Hindi gelauscht? 
Im Kurs stören mich mittlerweile Dinge, die ich nicht auf der Rechnung hatte. Die indische Obsession mit Körpergeräuschen: Überall Rülpsen, Spucken und andere Verdauungslaute. Je intensiver, desto besser - während meine Konzentration im Free Flow den gesamten Körper durchströmt, bringen mich die Profanitäten meiner Nachbarn ein ums andere Mal um die Erleuchtung. Auch die Hitze macht zu schaffen, während den Sitzungen laufen mir dicke Schweißperlen über die Stirn. Ich darf sie nicht wegwischen. Nur beobachten, nicht reagieren. Alles ist vergänglich.

Tag 07.
Die Bilder aus dem Indien-Reiseführer verfolgen mich. Die Fotos von sämtlichen Köstlichkeiten, die der Subkontinent zu bieten hat. Von Frittiertem und Süßspeisen, von Gewürzen und Gemüsen, Frucht und Fisch. Währenddessen in der Frühstückshalle streiten sich zwei weiße Geckos unter der Neonleuchte um die dicksten Insekten. Am siebten Tag identisches, geschmackloses Essen wirkt selbst der Gedanke an eine saftige Küchenschabe verlockend. Oder an eine kalte Cola. Überhaupt, ein Königreich für ein gekühltes Getränk. Bei 33 Grad im Schatten gibt es lediglich die Wahl zwischen lauwarmem gefiltertem Wasser und heißer Milch zu den Mahlzeiten. Die kälteste Nahrung ist geschnittene Rohkost, die das Team mittags als Beilage serviert - und um den großen Alutopf mit Karotten, Sellerie und Gurken mache ich normalerweise einen Bogen. Inder glauben nicht an Löffel und können Minuten damit verbringen, sich aus dem geschnittenen Gemüse per Hand die schönsten Teile zu picken. Ich bleibe bei Reis.

Tag 08.
Die Tage werden länger und länger. Mein Rücken, meine Beine schmerzen bei jedem Schritt, die Gehgeschwindigkeit hat sich in der letzten Woche halbiert. Mindestens. Wenig neues in der Meditation, die Tage sieben bis neun widmen sich hauptsächlich dem Praktizieren des bisher Gelernten. In den abendlichen Diskursen berichtet der Herr Lehrer von den großen Erfolgen der Technik, von Schülern mit außerordentlichen Ergebnissen oder einfach vom Wesen der Welt: Unredliches Handeln ist jegliches Handeln, das anderen Lebewesen schadet. Buddhistische Schwarz-Weiß-Ideologien wie diese stören meinen Glauben an Goenkas Weisheit empfindlich. Viele der Schüler nicken trotzdem angespannt und mit großen Augen, als hätte sie gerade jemand in Lesen und Schreiben unterrichtet.

Tag 09.
Ich will einfach nur hier raus. Raus aus der Hitze, rein in einen klimatisierten Supermarkt mit freier Wahl der Konsumgüter. So viel zum Thema „Abschaffen des Verlangens“. Jede Chance nutze ich zum Strecken meiner Beine. Vielleicht sollte man in den Wohnräumen der Schüler zur Entspannung diese Folterbänke aus dem Mittelalter installieren, die den Körper um Zentimeter verlängern. Ich ergreife jede Möglichkeit, abseits des Gruppenraumes zu meditieren. Dann kann niemand sehen, wenn meine Motivation in den Keller rutscht und ein kurzes Schläfchen einfordert. Meditieren ist das neue Joggen. 

Tag 10.
Nach der Sitzgruppe am Morgen sind für heute ausschließlich Highlights angekündigt. Eine neue Meditationstechnik, Metta Bhavanna, soll Balsam auf die Wunden schmieren. So hat es der Videodiskurs am Vorabend versprochen, die Einführung verläuft jedoch ernüchternd: Konzentrieren auf die Schwingungen im Körper, die Vibrationen mit Liebe füllen. So verbessere sich das Raumklima und andere Menschen können an der eigenen Liebe teilhaben. Ich kann mir ein ignorantes Grinsen nicht verkneifen. 
Der große Moment kommt dann schließlich doch noch, nach der Morgenmeditation wird die Noble Silence gelüftet. Innerhalb von Minuten beginnt das Einsammeln der Wertgegenstände aus der Sicherheitsverwahrung, Handys klingeln und Begrüßungen werden ausgetauscht. Eigentlich schon seit zehn Tagen vertraute Menschen schließen endlich Bekanntschaften. Ein indischer Geschäftsmann, auf dessen Karte „Author and Senior Management Professional“ steht, widmet mir ein Exemplar seines neuen (und einzigen) Buches: Simple is Difficult. Wie wahr, wie wahr.

Goenka liebt es, Geschichten zu erzählen. Eine seiner Stories im letzten Diskurs bleibt mir im Kopf: Eine Mutter serviert ihrem Sohn einen schmackhaften Reispudding. Dieser weigert sich, zu essen - das Gericht müsse in seinem Lieblingsteller serviert werden. Seufzend füllt die Mutter den Pudding in das gewünschte Geschirr, aber noch immer wehrt sich das Kind. Er findet einen kleinen schwarzer Stein im Essen. Statt den Stein zu entfernen, schleudert der ignorante Balg das komplette Essen durch die Küche. Mit der Technik der letzten Tage verhalte es sich ebenso. Wenn sie im eigenen Lebensraum serviert werden müsse, kein Problem. Aber einzelne Kritikpunkte sollten nicht die komplette Meditation ruinieren. Vielleicht geht es mir ähnlich. Ich mag den Gedanken, Körpersensationen bewusst zu beobachten. Eigene Reaktionen auf externe Einflüsse steuern zu können. Aber von einem Ideologieframework den Tagesrhythmus bestimmen zu lassen ist schmerzhaft. 
Um noch etwas klarzustellen: Was klingt wie Gehirnwäsche, ist es definitiv nicht. Der gesamte Kurs ist kostenfrei, Essen und Unterkunft inklusive. Vipassana-Zentren existieren weltweit und finanzieren sich ausschließlich über Spenden. Es gibt keine Verpflichtungen nach dem Kurs, keine Mitgliedschaften oder Gruppenzwänge. Lediglich die Empfehlung, täglich weiterhin mindestens zwei Stunden zu meditieren und jährlich einen der Kurse zu belegen, als Schüler oder als Helfer. 
Würde ich ein zweites Mal die Strapazen auf mich nehmen? Fragt mich in ein paar Monaten.


In den Bergen von Nirgendwo.

Pagoda.

Meditationszellen.

Zimmer.

Jung, wütend und ohne Strom.

Die 90-Tage-Visas sind ausverkauft, der lächelnde Grenzbeamte kann den kleinen bunten Zettel nur für 30 Tage in den Pass kleben. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die in Nepal immer wieder daneben gehen. Kleinigkeiten, die das Bild neben größeren Problemen wie fehlendem Strom oder Trinkwasser lediglich noch abrunden. Die Ursachen liegen in der Regel in Arbeitsverweigerung, Korruption und fehlender Stärke der handelnden Organe. Und täglich treibt mindestens eine Splittergruppe einer Splittergruppe Kathmandu wegen dieser Kleinigkeiten in den Wahnsinn. 

Die öffentliche Streitkultur in Nepal ist ein möglicherweise weltweit einzigartiges Phänomen, das die bewegte Geschichte des Staates auch in der 2008 ausgerufenen Demokratie begleitet. Sie ist ein Relikt aus dem zehnjährigen People‘s War, nur der Aufstand des Volkes gegen die notorisch schwache Regierung bringt wirkliche Veränderungen mit sich. Kaum ein Tag, an dem lokale Medien deshalb nicht über Rallys oder Proteste vom Vortag berichten, allein die Infowebsite nepalbandh.com erwähnt in der ersten Januarhälfte 31 unterschiedliche Streiks. Während in der Heimat über mangelnden politischen Enthusiasmus der Jugend geklagt wird und die Wahlbeteiligung seit Jahren abnimmt, so ist die Einbeziehung der Massen im fernen Nepal das kleinste Problem. Aufgebrachte Gruppen protestieren wahlweise für die Fertigstellung der Verfassung oder gegen die Einführung des Föderalismus, für die Anerkennung der Rechte von sexuellen Minderheiten oder die Absetzung von Universitätsprofessoren. In Washington versucht Obama verzweifelt, den versteckten Einfluss von Lobbyisten zu minimieren - in Kathmandu stehen die Lobbyisten aufgebracht auf der Straße, ohne Schienbeinschoner und getöntes Panzerglas. Unter dieser Protestdiversifikation leidet vor allem das öffentliche Leben erheblich. Besonders Inhaber von kleineren Geschäften versehen ihre Rolläden aus Angst vor Randalen mit dicken Vorhängeschlössern und verzichten oft tagelang auf ihren lebenswichtigen Umsatz. Taxis und Busse fahren nicht oder nur unregelmäßig, private Fahrzeuge müssen mit Übergriffen rechnen. Niemand sammelt den Müll ein, Diesel wird knapp. Abhängig von der bestreikten Branche geht auch mal der Zuckervorrat zur Neige. Oder eben die unterschiedlichen Visas am Flughafen.

Nichts, aber auch gar nichts bringen diese „Bandhs“, schimpfen vor allem Westler. Touristen und Volunteers, aber auch viele Anwohner sehen im täglichen Streiken und Protestieren lediglich eine lästige und unnötige Randerscheinung des lokalen Demokratisierungsprozesses. Und auch wenn Menschen in Nepal sich grundsätzlich als friedliebend bezeichnen, so hat doch jeder Local mindestens eine bleibende Erinnerung an gewaltsame Auseinandersetzungen, eine Narbe von geworfenen Steinen etwa. Oder berichtet von schmerzhaften Begegnungen mit dem Bambusschlagstock der lokalen Polizei, von willkürlichen Verhaftungen und spontanen Eskalationen der Gewalt. 
Diese Offenheit des Schlagabtauschs ist eines der Sinnbilder der noch jungen Demokratie in Nepal. Die politische Ordnung wirkt zerbrechlich - und während einige Gruppen diese Ordnung noch weiter untergraben, fordern wieder andere die politischen Führer mit Sitzstreiks zur Geschlossenheit auf. Die Straße spiegelt alle Perspektiven. Insbesondere für westliche Verhältnisse wirkt diese bodenständige Form der politischen Anteilnahme teilweise befremdlich, barbarisch oder gar amüsant. Rebellieren für die Absetzung eines Lehrers, weil dieser Aufgaben aus alten Textbüchern in die Klausuren schrieb? Hier keine Seltenheit.

In Nepal gilt es als unhöflich und respektlos, wenn junge Menschen ältere hinterfragen. Die Jugend fragt deshalb nicht. Sie wirft Steine. Natürlich entspricht diese Protestform nicht zwangsläufig dem Sinnbild von friedlicher demokratischer Meinungsäußerung. Für einige der Anwohner ist das demokratisches Handeln schlechthin. Roh. Ehrlich. Ungefiltert. Und Teil des öffentlichen Lebens. Während also die Protestanten noch mit Fackeln und erhobener Faust durch Kathmandu marschieren, findet sich die Mehrheit der Menschen schulterzuckend mit der unruhigen politischen Situation im Land ab. „Khe garne?“ - Was soll man schon tun?

Fackelzug durch Kathmandu 1. Fackelzug durch Kathmandu 2.
Verbrennung von Klausuren vor der Universität.
Polizisten greifen gegen Demonstranten ein.
Steine fliegen.
LGBTI-Community demonstriert für mehr Anerkennung.

Kathmandu in a Nutshell

This article was first published on nepalnews.com in December 2009.


A machine gun! It only took me ten minutes after arriving at Kathmandu to find a machine gun pointed to my head. I was desperately struggling for a good explanation why I was running back into the airport without a bag and without my passport. The answer was pretty easy though. Stupid me thought the immigration officer in Nepal would accept Nepalese Rupees to pay for the Visa. I didn‘t bring anything else. Unfortunately, I didn‘t even have enough Rupees and an ATM is only one of the modern amenities Kathmandu‘s airport does not provide. However, running out of the building in order to find a bank and get some US$ is a really good way to get in touch with the local security personnel. And after explaining to the guard the reasons why I was desperately trying to find some Dollar notes, it only took me ten seconds to change his machine gun into a warm and friendly smile. Protecting the homeland against foreign terrorists obviously isnt‘t the biggest concern for Nepalese authorities in these days. A couple of days after this airport incident, the ubiquitous sense of serenity prevails almost everywhere throughout Kathmandu. Whether I stroll through the cramped roads of the old town, watch the Nepal Police Club on its way to win the Gurkha Cup Trophy or enjoy my Tongba at a candle-lit bar in less crowded districts like Baluwatar: People in Kathmandu are hardly ever disconcerted.

Instead of dealing with security forces, a much better way to explore the city‘s nature is to drive around on a motorbike with a local. However, don‘t expect a second helmet. Just smile and accept the elemental rules of life: The bigger your vehicle, the more likely you are to succeed in getting to your destination. Policemen organizing the traffic should be respected, though all you risk when you don‘t pay attention is a serious blow into their whistles. Most important of all, stay calm. After almost being involved in a serious accident, people all over the world would take a deep breath and start yelling at their counterparts in the surrounding vehicles (obviously, it‘s never your own fault). Not here. Drivers just move on. In Nepal, it‘s more important to quickly continue your journey than to assault someone. Riding on a bike also gives you the opportunity to get a general idea on Kathmandu in just a few days. To explore huge and impressive temples, to get amazed by medieval districts and to watch the incredible number of cows trying to find dinner on the streets.

Getting to know the city by foot is at least as intense. Thousands of people in the most narrow streets one could imagine let you feel like a small ant struggling for survival. Anyway, the overwhelming amount of different impressions, surrounding scents and diverse food vendors makes it incredibly simple to fall in love with areas like Tengal, Dhalko or Mahabaudha in a minute. As a foreigner, not being able to read the signs in front of bars, restaurants and stores is actually a pretty good hint to see that you‘ve taken the right direction. It basically means that you‘ve left the touristy areas and that you‘re moving away from „Direct bus to India“, from „Cheap Pashmina“ and alike. Instead, there are small teahouses hidden behind curtains. Spices and vegetables are sold on the streets. There are marvelous small restaurants with barely a sign or menu, selling anything from Dal Bhat to Momos. After a few moments sitting in a local teahouse far away from fancy Thamel, I found myself being involved in a chat with locals about the polluted air, about travelling to India and, of course, about the beauty of other parts of Nepal. Moments like this make a busy capital like Kathmandu appear like a small village in the middle of nowhere. And, after all, moments like this eventually give me a chance to use my barely existing Nepali language skills: Mero ghar Germany ho.

Kathmandu might not be as diverse as other Asian capitals like Bangkok or Beijing and it is certainly the exact opposite of overwhelmingly clean and well-organized Singapore. However, it is definitely one of the rare places on earth that take your breath away as soon as you step out of the door. Even during somehow extraordinary events like political strikes or several hours without electricity do inhabitants prove a sense of laid-back normality. This heart-warming attitude never seems to get lost, not even with a machine gun in one‘s hands.